Judith Hornok

Slider

Das Erzürnte Wut-Teufelchen: Das Telefonat

Fallbeispiel zum Erzürnten Wut-Teufelchen: Das Telefonat

Maria, gebürtige Wienerin, ist in unserem Fitness-Club für ihre Fröhlichkeit und ihre positive Einstellung bekannt. Doch heute steht eine vollkommen andere Maria vor mir – wütend, aufgebracht, fast schon schnaubend. Ihr Gesicht scheint rot vor Wut. Sie hält ein Mobiltelefon in der Hand. Ich frage sie, ob alles in Ordnung mit ihr sei? Sie legt das Telefon zur Seite und beginnt zu erzählen:

Decodieren Sie den Moment

„Ich bin so wütend auf meine Chefin! Gerade eben habe ich mit ihr telefoniert, sie ist seit zwei Wochen im Ausland unterwegs, daher arbeite ich aufgrund der Zeitverschiebung teilweise rund um die Uhr. Gestern habe ich ihr eine E-Mail geschickt, um sie einfach darüber zu informieren, warum und wie ich zwei Kundenabsagen durchgeführt habe. Das war eine heikle Angelegenheit. Mein diplomatisches Vorgehen habe ich in zwei Sätzen geschildert, um ihr die Sicherheit zu geben, dass ich mit meiner Art und Weise den Kunden nicht verärgert habe. Ich habe mich wirklich extrem bemüht. Und gerade eben ruft mich meine Chefin an und sagt mir in einem echt unfreundlichen Ton: „Schicken Sie mir keine unwichtigen E-Mails mitten in der Nacht. Es ist doch wirklich nicht so schwer, Anweisungen zu befolgen!“. Das fühlt sich wie ein Stich ins Herz an. Gleich nach dem Telefonat verspüre ich so ein inneres Brennen: Meine Lippen zittern. Und ich höre eine Stimme in mir: „Wie kann meine Chefin denn nur so gemein sein? Da setzt man sich ein, tut alles für die Firma und dann so etwas!“ Ich rufe sie jetzt sofort zurück und…“

Identifizieren Sie den Emotionalen Hinderer

© „Erzürntes Wutteufelchen“ Judith Hornok

Achtung: Bei Maria ist das Erzürnte Wut-Teufelchen gerade um die Ecke gestürmt (mit seinen Sportschuhen ist es ganz besonders schnell vor Ort – also Vorsicht!) Die erzürnte Kreatur schreit erbost: „So eine böse Frau! Was erlaubt sie sich eigentlich, so mit mir zu reden? Die ganze Nacht wird durchgearbeitet, alles für die Firma getan und das ist der Dank dafür? So wird man dafür belohnt? „Schreiben Sie keine E-Mails in der Nacht“ – was ist das für eine Aussage? Eine absolute Frechheit! Jetzt reicht es!“ …

Verändern Sie die Situation – Bewusstsein: Was kann ich tun

Bevor Sie eine böse E-Mail schreiben oder vielleicht sogar zum Hörer greifen und die Person anrufen, um verbal zurückzuschlagen, hören Sie den Rat eines Experten, der die unterschiedlichsten Profile Erzürnter Wut-Teufelchen kennt:

Dr. Thomas Müller´s Antwort: Eiserne Disziplin

Der Fallanalytiker und weltweit anerkannte österreichische Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller (arbeitete u.a. mit dem FBI zusammen), kennt einige „Tatorte“, an denen Spuren der „Wut“ wiederzufinden sind.

Als Profiler legt er sich keinesfalls auf allgemein geltende Formen der aggressiven Wut- Ausbrüche fest: „Jeder Mensch drückt seine Wut anders aus“, erklärt Dr. Müller, „Ich kann emotional sein, indem ich harsch werde, eine gewalttätigere Sprache verwende oder im schlimmsten Fall körperlich zuschlage. Ich kann aber auch sehr aggressiv werden, indem ich aggressiv gegen mich selbst werde und aufhöre zu reden. Das Schweigen ist dann die aggressivste Form der Kommunikation.“

Hat Dr. Thomas Müller einen Tipp, wie man sich verhalten sollte, damit es nicht zu aggressiven, verbalen oder körperlichen Ausschreitungen kommt?

„Ich habe eine persönliche Meinung dazu“, sagt Dr. Müller, „Disziplin! Die Grundlage ist, dass ich schon vor dieser Situation – tagtäglich – im Vorfeld diszipliniert trainiere. Damit man gar nicht erst in die Situation kommt. Denn, wenn sie aufbrausend, emotional sind, wenn sie cholerisch in einem Meeting oder Gespräch reagieren, dann ist es meistens schon zu spät.

Das bedeutet, man arbeitet schon im Vorhinein an einer Strategie. Wo man schon im Vorfeld immer wieder Ereignisse antizipiert – in Betracht zieht, was eintreten könnte und damit vorausschauend denkt. Und wo ich mir darüber im Klaren werde: Das ist ein Sachkonflikt, kein persönlicher Konflikt!“.

Wobei ich mir immer wieder deutlich sage: „Ich bin nicht so wichtig!“ Und das bedeutet keineswegs, dass ich als Person unwichtig bin. Neurotisch sollte man hierbei nicht werden. Das meine ich nicht.

Aber und das muss man sich diszipliniert antrainieren und immer wieder vorsagen: „Meine Bedeutung ist nicht so hoch, wie sie vielleicht für mich persönlich scheint. Und das, was im Umfeld passiert, das hängt nicht grundsätzlich und immer mit mir zusammen.“

Mit diesem Training kann ich sofort anfangen. Jetzt, in diesem Moment. Sich selbst folgendes immer deutlich vorzusagen:

  • Das hat nichts mit mir zu tun.
  • Ich muss mich selbst rausnehmen.
  • Ich bin – was das hier betrifft – nicht so wichtig.

Ergebnis: Man schafft zwischen DER ENTSCHEIDUNG, vorschnell zu reagieren und DER EIGENTLICHEN URSACHE, eine DISTANZ.